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Märchen

Sind Ihnen manchmal die Geschichten der Bibel fremd? Da werden Begebenheiten aus einer Welt erzählt, die wir uns nur schwer vorstellen können. Die Gesellschaft, in der sich das Erzählte abspielt, ist weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt. Die Verhältnisse werden von Männern als den maßgeblichen Akteuren geprägt. Frauen kommen oft nur in dienenden Rollen vor. Die Zugehörigkeit zu Sippe und Familie entscheidet über gesellschaftliches Ansehen und persönliche Möglichkeiten. Jenseits dessen regieren Könige, die im günstigsten Fall klug und weise auftreten, allzu oft aber auch despotische Züge haben.

Wenn wir diesen Zeit- und Gesellschaftsbezug beim Lesen biblischer Episoden bereits mitdenken und die Geschichte erstmal auf unsere Wirklichkeit hin übersetzt haben, bleiben nach wie vor die Inhalte oft fremd. Die Prophezeiungen des alten Testaments sind nicht nur zuweilen düster und wenig verständlich, sie bewahrheiten sich allzu oft überhaupt nicht. Besonders das immer wieder vorhergesagte Gottesreich lässt auf sich warten. So entschuldigt sich der Prophet Habakuk förmlich mit den Worten: "Wenn sie (die Weissagung) sich auch hinzieht, so harre ihrer; sie wird gewiss kommen und nicht ausbleiben," (Hab 2,3). Doch auch das neue Testament hält dem Faktencheck vielfach nicht stand. Auch hier sticht das Warten auf das Gottesreich immer wieder ins Auge. Inzwischen sind zweitausend Jahre ins Land gegangen.

Wie können wir diese Geschichten heute lesen? Es gibt Bibelleser, die halten sich an eine eng am Wort orientierte Auslegung des Gelesenen - bis hin zu Gläubigen, die eine Wortwörtlichkeit biblischer Texte zur zwingenden Voraussetzung ihres Glaubens machen. Und es gibt Bibelleser, die den biblischen Geschichten nur Fantasiecharakter zuschreiben - nicht zuletzt atheistisch eingestellte Menschen lesen die Bibel als reines Märchenbuch.

Was kann mir als heutigem Menschen die Bibel dann noch sagen? Ich möchte gerade die provokante These von der Bibel als Märchenbuch aufnehmen: Warum lesen wir Märchen? Nicht nur im Kindesalter verschlingen wir Märchen, auf Erwachsene tun das immer wieder. Es gibt professionelle Märchenerzähler, deren Veranstaltungen gut besucht werden. Wir alle kennen die Antwort: Märchen haben einen wahren Kern. So fantastisch und unwahrscheinlich die Geschichten auch sein mögen, die "Moral" dahinter spricht uns an. Und so bleibe ich bei der provokanten These: Lesen Sie die Bibel doch mal als Märchenbuch und lassen Sie sich nicht vom vordergründigen Inhalt der Geschichte mitnehmen, sondern von dem Vertrauen, das ihr zugrunde liegt. Sie werden überrascht sein, wie viel Gegenwartsbezug beispielsweise die zahlreichen Gleichnisse des neuen Testaments haben.
(Volker Neveling)