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Die siebziger Jahre waren geprägt von den Auswirkungen der sog. 68-er Revolte. Studenten, die aktiv in der Studentenbewegung mitgewirkt hatten, kamen als Lehrer in die Schulen. Ja, es wurde sogar ein Marsch durch die Institutionen ausgerufen. Auch die Kirchen blieben von dieser tiefgreifenden (und damals schon lange fälligen) Erneuerung nicht unberührt. So standen zum Beispiel Projekte der "Aktion Sühnezeichen" hoch im Kurs. Schockiert vom Wissen um grausame Verbrechen, die in Deutschland ihren Ursprung gehabt hatten, brachen junge Menschen auf, um Friedensarbeit zu leisten, durch praktische Hilfe vor allem im Ausland.

Inzwischen - Jahrzehnte später - ist nicht nur der Schwung der 68er Bewegung abgeklungen, auch um die Aktion Sühnezeichen ist es ruhiger geworden. Aber in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Verengung auf das Etablierte und Bewährte, in Zeiten großer Angst vor dem Fremden sowie vor gesellschaftlichen und materiellen Nachteilen bei gleichzeitig hohem Wohlstand ist die Botschaft, die von solchen Versöhnungsbewegungen ausgeht, aktueller und wichtiger denn je.

Christen sind aus der Bibel vertraut mit Situationen von Ausgrenzung, Benachteiligung, gesellschaftlicher Erstarrung und vielem anderen mehr. Und ... Flüchtlinge (das Wort Migranten ist in seiner Einvernehmlichkeit suggerierenden Art hier verharmlosend) sollten vor dem Hintergrund der biblischen Botschaft jedem Christen Hilfe und Unterstützung abverlangen. Die Aktion Sühnezeichen wurde gegründet mit dem Blick auf das Versagen der Kirche und das Versagen von Christen in der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Heute haben wir demokratische Verhältnisse und die Aufgabe der Zeit ist sicher nicht der Widerstand gegen staatliche Macht. Aber Widerstand gegen ungute, in Teilen bereits widerwärtige gesellschaftliche Tendenzen ist mehr denn je geboten - sogar mehr als in den bewegten 70er Jahren. Ausgrenzung und Intoleranz, oft nur sprachlich, zuweilen aber auch tätlich, machen sich breit. Die erneuernde Botschaft der Bibel, das Sprengen von gesellschaftlichen Grenzen, wo diese unmenschlich sind, aber vor allem auch das offensive Bekenntnis zu Toleranz im Alltag, wenn wir Vorbehalten, Vorurteilen oder gar Feindseligkeit begegnen, sollte jedem Christen ein Anliegen sein.

Es gibt leider immer noch zu viele Anlässe, um Sühnezeichen zu setzen.

(Volker Neveling)