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Freude, Fasten und Genießen ...

Foto zeigt Menschen, die hinter Baumstämmen (Wellenbrecher) am Strand stehen.

Ja, passt denn das überhaupt zusammen? Ich habe in der Kirche der Reformation oft eher den Eindruck, dass Fasten zwingend etwas zu tun haben muss mit Freudlosigkeit, mit Selbstkasteiung und Verzicht, dass, sobald Freude und Genuss im Spiel sind,   ein wahrhaftes Fasten per se schon einmal ausgeschlossen ist ... Ist das so? Muss das so sein? Freude und Genuss - kann das Fasten sein- oder muss das weg?

Bild zeigt ein Glas Rotwein

Dazu sollten wir erst einmal überlegen, wozu denn das Fasten überhaupt gut ist. Der Verzicht auf Dinge, seien es bestimmte Nahrungsmittel, Schlaf oder sonst etwas, hat ja keinen Wert in sich. All dies soll und sollte ja einem Ziel dienen, nämlich der Schärfung der eigenen Wahrnehmung und dem Bewusstmachen eigenen Handelns ... Im ersten Buch Mose (1. Mose 32, 23-33) kämpft Jakob mit Gott selbst in einem Kampf um Identität und Wahrheit. Gott erscheint in dieser Szene nicht als der Abwesende, Distanzierte, ewig Unberührbare, wie er in theologischen Lehrsätzen oft dargestellt wird, sondern er tritt auf als der Nahbare. Gott wird körperlich spürbar und macht sich verletzlich, obwohl er gleichzeitig geheimnisvoll bleibt. Gott ist nicht männlich, nicht weiblich. Er lässt sich körperlich berühren und berührt sich selbst. Dadurch sprengt er die dualistisch angeordneten Kategorien von Normalität und Abweichung, Körper und Geist, Subjekt und Objekt. Und als der Morgen anbricht, segnet Gott den Jakob. Gott selbst segnet das Ringen mit sich selbst und das Ringen mit ihm um Identität und Selbst-Wahrnehmung.

Bild zeigt ein Stück Nougattorte

Fasten wir doch einfach einmal "gegen den Strich". Nehmen wir uns Zeit, uns selbst wahrzunehmen. Verzichten wir doch einfach einmal darauf, uns von außen Masken aufsetzen zu lassen, wehren wir und dagegen, Rollen zugeschrieben zu bekommen und uns von uns selbst entfremden zu lassen ... "Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen." lautet das Motto der diesjährigen evangelischen Fasten-Aktion. Zeig dich! Auch auf die Gefahr hin anzuecken, verletzbar und erkennbar zu werden. Es lohnt sich. So kommen wir einander wieder näher - und damit auch Gott!

Übrigens: Das geht auch wunderbar mit einem schönen Stück Nougattorte und / oder einem schönen Glas Rotwein!

Ihr Pfarrer Stephan Draheim